Erfahrungen aus der meditativen Praxis

 

In der Meditation findet man den Anschluss an die verschiedenen Sphären der geistigen Welt. Wir leben ständig in diesen höheren Sphären, bemerken sie aber in unserem normalen Bewusstsein nicht. Wie mit einem Fahrstuhl, durch die eigene Konzentrationskraft angetrieben, fährt man dann in der Meditation weit oder weniger weit hoch und lebt sich langsam bewusst in diese Gebiete ein. Das Bewusstseinsniveau so zu erhöhen, dass geistige Wesen Zugang dazu haben, dass man überhaupt für sie sichtbar wird in der geistigen Welt - darum geht es. Mit dieser Bewusstseinserhöhung findet gleichzeitig eine Vertiefung des Gefühls statt - man ist mehr bei sich, gefügter, in keiner Weise «abgehoben», im Gegenteil. Sobald es einem einmal gelungen ist, diesen Kontakt zu schaffen, sucht man ihn immer wieder. Wenn es einem regelmäßig gelingt, schaltet man sich auf einer anderen Ebene in das Weltgeschehen ein, man wird sozusagen höher oben «eingeklinkt». Es können dann ganz andere Dinge ins Schicksal eingelenkt oder auch regelrecht, wie beim Chiropraktiker «eingerenkt» werden, Krankheiten verhindert werden, Menschenbegegnungen herbeigeführt werden, die lebensverändernd sind. Die Engels-Hierarchien haben durch unsere Bemühungen in ihre Richtung überhaupt erst die Möglichkeit, richtig einzuwirken. Wenn wir ihnen nicht im Wachbewusstsein entgegenarbeiten, müssen sie alles über den Schlaf bei uns bewirken. Nähere, teils verheerende, Auswirkungen davon werden von Rudolf Steiner in dem Vortrag «Was tut der Engel in unserem Astralleib» (GA182) beschrieben. Somit ist die Meditation die Ur-Salutogenese, wodurch unser Ich eine ganz neue Chance bekommt, in unsere Wesensglieder ordnend einzugreifen.

Dadurch, dass der Wille vom tätigen Eingriff in den physischen und Ätherleib abgehalten wird - man sitzt still, bringt alle äußere Bewegung vollkommen zur Ruhe - dadurch kann man zunächst überhaupt klarer wahrnehmen, was sich alles auf der Bewusstseinsebene abspielt. Man lernt diese Ebene in ihrer Reinheit kennen, man lernt im «Bewusstsein pur» zu leben, ohne dauernd durch den Kontakt zur Außenwelt abgelenkt zu werden. Irgendwann schafft man es dann, sich so zu sammeln und die Bewusstseinskräfte so zu steuern, dass alles durch das Nadelöhr des einen Konzentrationspunktes hindurch geht. Bekanntlich können richtig fokussierte Lichtstrahlen durch eine Lupe ein Feuer entzünden. Es gilt nun unser Bewusstsein zu einer solchen Lupe zu machen. Erst wenn man diesen Griff beherrscht (er könnte auch «Ich-Griff» genannt werden), kann man das Bewusstsein steigern. Dieses steigert sich durch ein Hin- und Herpendeln (es kann auch ein blitzschnelles Pendeln sein) zwischen eigenem aktiven Bemühen (das man als Denkwillen bezeichnen kann), und einem passiven Sich-Hingeben an die Wesen der geistigen Welt, die nur darauf warten, helfend und führend einwirken zu dürfen. Diese geistigen Wesen können sich, das kann erlebbar werden, regelrecht in uns hinein versenken, von oben nach unten in den Leib hinein, begleitet von einer unendlich gesteigerten Ruhe, von der man dann weiß: «Das ist nicht meine Ruhe sondern ihre». In dieser Ruhe fühlt man sich zum ersten Mal wirklich bei sich selbst angekommen, man ruht in sich, weiß aber gleichzeitig, dass es ein Fühlen ist dessen, was geistige Wesen durch uns hindurch fühlen. Diese tiefe Ruhe ist im Normalbewusstsein nicht möglich, wohl im Schlaf, aber da geschieht ja unbewusst, was es in der Meditation bewusst zu erreichen gilt.

Sobald wieder ein rationaler Gedanke aus dem Alltagsbewusstsein auftaucht, wird man regelrecht aus diesem Zustand der Gnade wieder herausgerissen. Das kann wie ein Absturz erlebt werden. Wenn es aber gelingt, diesen Zustand erst kurz, dann aber länger halten zu können (Gegenstände und Meditationssätze auf die man sich besinnt sind ja auch nur Mittel dazu), dann fühlt man sich danach wie ausgetauscht, wie neugeboren. Langsam lernt man Herz und Solarplexus, die durch den Alltag ja oft ausgelaugt sind, wieder «wie magnetisch» durch einen Kraftzustrom aufzuladen.

Wenn man morgens meditiert, geht man anschließend ganz anders durch den Tag. Was immer dann auch schief gehen mag, man hat ja «seinen Tag» schon gehabt. Man geht erhabener und gelassener durchs Leben und wird nicht von allem möglichen Kleinkram «umgehauen». Sich die richtigen Umstände für die Meditation schaffen - möglichst frühmorgens, am besten mit Einwirkung des Sonnenaufgangs, wenn die Luft noch rein ist und das Blut noch feiner ätherisiert, so dass man immer wieder optimal neu beginnen kann - dies ist das einzig Wichtige. Die Bedeutung von Initiation ist im übrigen ja auch: «Neubeginn». Hinzuarbeiten auf das einmalige Gelingen, den Anfang richtig zu setzen, Urheber zu werden, so dass die tiefe Sehnsucht danach, diese Schicht des Seins wieder zu erreichen zum Antrieb wird, morgens aus dem Bett zu springen, um es noch einmal probieren zu dürfen - darum geht es.

Zu erleben, einmal so berührt gewesen zu sein, dass man sich fragt: «Wie konnte ich nur vergessen? Wie konnte ich nur vergessen, dass es einzig und allein darum geht, vom Geist so berührt zu werden?» Dies ist Sinn meines Seins, alles ist hierin begriffen. Es ist ein Zustand, in dem meine normale intellektuelle Fragehaltung der Welt gegenüber völlig ausgelöscht ist und ich von Demut und Ehrfurcht überschüttet werde. Ich erlebe: Ja, es lohnt sich doch alles, alles ist sinnvoll, ich lerne mich jetzt erst richtig platzieren, richtig einzubinden in das Weltgeschehen und dieses atmet auf, denn es hat darauf gewartet, dass ich es tue.

Die Autorin leitet regelmäßig Einführungs- und Fortführungskurse zur anthroposophischen Meditation.

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