Imagination oder Einbildung?

Den Unterschied zwischen einer geistigen Erfahrung und einem seelischen Erlebnis zu erlernen, ist einer der ersten Schritte auf dem Schulungsweg

Laszlo Böszörmenyi

Was trennt uns von der geistigen Welt? Einzig und allein eine Gefühlswolke der Egoität, der «Eigenliebe», wie Rudolf Steiner das nennt,1 eine Hülle des «Selbstgefühls» um den Leib herum, wie Georg Kühlewind das bezeichnet.2 In der Meditation können wir diese Schicht vorübergehend verschwinden lassen – durchsichtig machen –, und dadurch können wir eine geistige Erfahrung, eine direkte Begegnung mit der geistigen Welt, mit geistigen Wesen oder zumindest ihren Äußerungen erleben. Solche Äußerungen sind immer sprechend und ansprechend, aber ohne sinnlich wahrnehmbare Zeichen. Auf diesem Weg verwandeln sich unsere seelisch-geistigen Funktionen, sie werden dabei immer mehr bewusst, verständlich. Dieser Weg steht in krassem Widerspruch zu den gewöhnlichen Wünschen des modernen Menschen und ist deshalb meistens sehr schwierig zu gehen. Es kommt oft vor, dass wir, anstatt die trennende Hülle durchsichtig zu machen, sie nur ‹aufwirbeln› und attraktive oder auch furchterregende, farbige und mehr oder weniger undurchsichtige, unverständliche Fantasiebilder erzeugen – nennen wir sie seelische Erlebnisse. Wir können – meistens geleitet durch den Wunsch nach raschem ‹Erfolg› auf dem spirituellen Weg – diese Fantasiebilder für eine Imagination, für eine geistige Erfahrung halten. Für Menschen, die es versuchen, sich auf dem Weg einer geistigen Schulung zu entwickeln, kann diese Verwechslung zu einer kaum überwindbaren Hürde werden.

Wie können wir geistige Erfahrungen von seelischen Erlebnissen unterscheiden? Klarerweise gibt es kein äußeres Merkmal – der Unterschied liegt in der Qualität und Intensität der Erfahrung. Diese Unterscheidung zu erlernen, ist einer der ersten und wichtigsten Schritte auf einem modernen Schulungsweg. Stellen wir uns einen Menschen vor, der noch nie Musik gehört hat. Er könnte unzählige musikwissenschaftliche Vorträge anhören und sich aufgrund dieser eine Vorstellung von der Musik machen. Diese Vorstellung wäre aber ganz etwas anderes als die musikalische Erfahrung selbst; diese Vorstellung hätte gar nichts Gemeinsames mit der Erfahrung des Musikalischen. Im Bezug auf Erfahrungen der geistigen Welt ist das in vieler Hinsicht ähnlich. Rudolf Steiner beschreibt das so: «Die übersinnliche Welt ist zunächst als etwas ganz außer dem gewöhnlichen Bewusstsein Liegendes vorzustellen. Dieses Bewusstsein hat gar nichts, wodurch es an diese Welt herandringen kann. Durch die in der Meditation verstärkten Kräfte des Seelenlebens wird zuerst eine Berührung der Seele mit der übersinnlichen Welt geschaffen.»3

In diesen Sätzen ist die ganze Widersprüchlichkeit der Lage enthalten. Wie können wir die «Kräfte des Seelenlebens» durch eine Schulung dermaßen erstarken, dass sie sich in etwas ganz anderes umwandeln? Die Kräfte der Seele müssen so stark werden, dass sie den Verlust von sich selbst – von dem, was sie bis dahin waren – aushalten. Das Bewusstsein muss sich vollständig umwandeln, selbst etwas «ganz außer dem gewöhnlichen Bewusstsein Liegendes» werden; das Ego muss sterben, damit das wahre Ich auferstehen kann. «Man sieht», so Steiner, «auf seine ganze Seele, auf sein ‹Ich› als auf etwas zurück, was man ablegen muss, wenn man die übersinnliche Welt betreten will.»4

Wir treten in jedem Akt des Erkennens zumindest für einen Augenblick in die geistige Welt hinein, allerdings unbewusst; wir ‹schlafen hinein›. In diesem ‹Erkenntnisschlaf› sind wir identisch mit dem, was wir später als ‹Objekt› des Erkennens kennzeichnen (eigentlich dessen Außenseite). Das Ziel einer Geistesschulung ist, diese Reise in die geistige Welt und zurück bewusst zu erleben. Darum ist es mehr als ein Gleichnis, wenn Rudolf Steiner von einem

«Erwachen aus dem gewöhnlichen Bewusstsein»5 spricht. Der Unterschied zwischen einer geistigen Erfahrung und einem seelischen Eindruck liegt nicht am Inhalt, sondern am Grad und der Art der Bewusstheit. Die meisten Missverständnisse in spirituellen Angelegenheiten stammen aus der Unkenntnis dieses Umstands.

Im Alltag bleiben wir selten beim nüchternen Erkennen stehen. Es mischen sich fast immer Gefühle dazu, Sympathie und Antipathie unterschiedlichster Art und Intensität. Die egoistische Hülle, die Schicht der Eigenliebe, leistet Widerstand und wird durch den Prozess des Erkennens wie aufgewirbelt. So entsteht der Bereich des Genusses, der «Fantastik»6. Heute erscheint das Leben in diesem Bereich dermaßen selbstverständlich, dass wir den überwiegenden Teil unseres wachen Lebens in einer Mischung aus Erkennen und Fantastik verbringen, sodass es als normal, ja sogar als erstrebenswert betrachtet wird.7 Noch bedrohlicher wird diese Angelegenheit, wenn wir uns in unseren Übungen des Schulungsweges in den Bereich der Fantastik verirren: «Ein Wille, der nicht in der angegebenen Richtung [die in einem gewissen Sinne dieser entgegengesetzt] liegt, sondern in derjenigen des alltäglichen Begehrens, Wünschens und so weiter, kann, wenn er auf das Gedankenleben in der beschriebenen Art angewendet wird, nicht zu dem Erwachen eines schauenden Bewusstseins aus dem gewöhnlichen, sondern nur zu einer Herabstimmung dieses gewöhnlichen führen, zu wachendem Träumen, Fantasterei, visionsgleichen Zuständen und ähnlichem.»8 Anstatt in den Himmel, kommen wir in die Hölle, mag sie noch so attraktiv erscheinen. Diese Gefahr ist heute vielleicht größer denn je. Viele Menschen fühlen sich durch irgendeine Art ‹Spiritualität› angezogen, wollen aber dabei auf die Wahrhaftigkeit verzichten.9

In der Imagination geht es nicht um fantastische Bilder, die durch eine ‹Aufwirbelung› der Hülle des Selbstgefühls entstehen, sondern darum, dass diese Hülle anfängt, durchsichtig zu werden, oder anders gesagt, dass wir anfangen, unserer erkennenden Tätigkeit bewusst zu werden.10 Nicht nur des Ergebnisses, sondern des Prozesses, der sonst völlig unsichtbaren, transparenten Tätigkeit selbst. Auch schon ins gewöhnliche Bewusstsein kommt nichts anderes hinein als Metamorphosen unserer eigenen Aufmerksamkeit. Während aber uns hier nur der Nachklang der Metamorphose bewusst wird (ganz tot beim gewöhnlichen Denken und Wahrnehmen oder halbtot bei den fantastischen Bildern), werden wir in der Imagination der Bewegung der Aufmerksamkeit bewusst. Wir fangen an, das Leben der eigenen Aufmerksamkeit bewusst zu erfahren, noch bevor es am Gehirn und an den Wahrnehmungsorganen erstirbt. Das befähigt uns, auch andere Lebensprozesse wahrzunehmen. Leben kann nur eine kontinuierliche, man könnte sagen: ‹flüssige› Aufmerksamkeit erfahren.11 Der Wille kehrt sich um, als wenn sich der Mensch mit seinem ganzen Wesen sagen würde: «Es geschehe Dein Wille». «Es gibt aber auch eine Willensrichtung, die in einem gewissen Sinne dieser entgegengesetzt ist [...] und er ist da ein in Hingabe entwickelter Wille, der die Seele lenkt; der nicht aus ihr den Ursprung nimmt, sondern auf sie seine Wirkung richtet […]. Im Erleben des Vorgangs selbst aber erkennt man, dass durch diese Umkehrung des Willens ein außerseelisches Geistiges von der Seele ergriffen wird.»12

Hingabe bedeutet in diesem Kontext, dass die egoistische Hülle –zumindest während der Meditation – verschwindet, durchsichtig wird. Es gibt keinen «Spiegel» mehr, wir sehen von «Angesicht zu Angesicht».13 Das «außerseelische Geistige» ist keine Einbildung, keine Fantastik, sondern eine Wirklichkeit, die «nicht nur so wirklich ist wie die sinnliche, sondern [...] eine viel wirklichere ist».14 Dieser Sicherheit im flüssigen Element entspricht das Bild des Wandelns am Wasser. Die Sicherheit, die uns gewöhnlich nur der Boden des Alltagsbewusstseins gibt, kann auch im flüssigen Element, im Wasser des Lebens erfahren werden.15 Das ist gleichzeitig ein gutes Beispiel für eine Imagination. Es geht nicht darum, dass wir versuchen, Vorstellungen zu machen, wie der Herr auf dem Wasser gegangen sein konnte, sondern dass wir die Sicherheit in der flüssigen – objektlosen – Aufmerksamkeit erfahren. Diese Erfahrung kann dann als ein Bild ausgedrückt werden. Wer die Erfahrung kennt, erkennt diese im Bild wieder.

Der erste Schritt auf dem Schulungsweg erfolgt in der Umwandlung, in der Heilung des Denkens.16 In den Konzentrationsübungen erlernen wir zuerst, unsere Aufmerksamkeit auf ein einziges Thema zu konzentrieren.17 Es können dabei inhaltliche Ablenkungen auftreten, wobei wir den ausgesuchten (einfachen, menschengemachten) Gegenstand aus der Aufmerksamkeit verlieren. Es können auch emotionale Ablenkungen auftreten (eigentlich sind bei näherer Betrachtung alle Ablenkungen emotional). Wir können zum Beispiel den Gegenstand besonders schön oder hässlich, sympathisch oder antipathisch ausmalen. Das kann sehr genussvoll werden, und wir können darin unter Umständen auch länger verweilen. Das ist aber auch eine Ablenkung. Wenn Gefühle auftreten, so sollten diese aus dem Wesen des Gegenstands kommen, nicht aus unseren emotionalen Assoziationen. Wenn uns die Idee, die Funktion des Löffels – die noch vor dessen Form da ist – fühlbar wird, so erscheint das zunächst vielleicht ganz zart, trotzdem ist das ein Zeichen, dass sich unser geschlossenes Gefühlswesen anfängt zu öffnen. Solche nicht subjektiven Gefühle sind von den gewöhnlichen Emotionen so unterschiedlich, dass wir sie möglicherweise gar nicht als Gefühle bezeichnen. Ein erkennendes Fühlen tritt in Erscheinung. Solange wir nicht imstande sind, zwischen dem offenen, ‹nüchternen› und trotzdem sehr intensiven erkennenden Fühlen und den ‹selbstfühlenden› Emotionen zu unterscheiden, geht die Übung noch nicht in die richtige Richtung. In diesem Fall kann die Übung – insbesondere durch die Wiederholung – bald langweilig werden. Die Langeweile zeigt aber gerade, dass unsere Konzentration schwach, unsere Aufmerksamkeit unfrei ist. Tun wir etwas wirklich konzentriert, können wir uns dabei nicht langweilen. Wenn die Konzentration steigt, kann die Übung eine solche Intensität erreichen, dass wir der inneren Tätigkeit der Aufmerksamkeit gewahr werden. Wir werden uns in der reinen – hüllenlosen, selbstlosen – geistigen Tätigkeit selbst gewahr. Das ist die erste monistische, die erste wahre geistige Erfahrung.

Wer mit dem Ernst, mit der Intensität und Reinheit einer geistigen Erfahrung jemals in Berührung gekommen ist, wird sich mit den Genüssen des Alltagsbewusstseins nicht mehr zufriedengeben. Die Reinheit des Strebens entfacht ein neues Licht in unserem Leben. Es wird dadurch nicht farblos, im Gegenteil, wir werden auch den Alltag im neuen Licht sehen. Alles kann zu uns sprechen und wir werden gewahr, dass wir hinter jedem Phänomen bis zur Quelle schauen können. Wie der Blick in die Augen eines Menschen eine unendliche Tiefe haben kann, so können wir hinter jedem Phänomen den Blick eines Schöpfers erahnen. Wir verlassen die Einöde der Einsamkeit und können geistige Gemeinschaften mit anderen bilden.18 Das Streben ist dann nicht mehr mühsam, das Üben keine Pflicht mehr. Es bereitet uns die reinste Freude, wie es Freude macht, auf einen geliebten Menschen zu warten. Die Hingabe ist kein Opfer, sondern Liebe, reine Liebe.

Laszlo Böszörmenyi ist Professor für Informatik an der Universität Klagenfurt. Er leitet Meditationsgruppen und hält Kurse über den Erkenntnisweg sowie über Märchen.

Gekürzte Fassung: Originalfassung hier: www-itec.aau.at/~laszlo/Antro/Imagination.pdf.

1 Siehe Rudolf Steiner: Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen (GA 16), Vierte Meditation.

2 Siehe Georg Kühlewind: Aufmerksamkeit und Hingabe, Kapitel ‹Die geteilte Aufmerksamkeit›.

3 Rudolf Steiner: Die Schwelle der geistigen Welt (GA 17).

4 Siehe Fußnote 1.

5 Rudolf Steiner: Vom Menschenrätsel (GA 20), Kapitel ‹Ausblicke›.

6 Rudolf Steiner: Die Stufen der höheren Erkenntnis (GA 12), S. 19.

7 Siehe Georg Kühlewind: Vom Normalen zum Gesunden.

8 Siehe Fußnote 5.

9 Rudolf Steiner: Geistige und soziale Wandlungen in der Menschheitsentwicklung (GA 196), Vortrag vom 18. Januar 1920.

10 Siehe Fußnote 6.

11 Siehe: Laszlo Böszörmenyi: ‹Das Wasser des Lebens›, downloadbar unter www-itec.aau.at/~laszlo/Antro/Wasser.pdf.

12 Siehe Fußnote 5.

13 Korinther-Brief, 13. 11.

14 Siehe Fußnote 6, S. 20.

15 Siehe Fußnote 11.

16 Siehe Fußnote 5.

17 Siehe Fußnote 7.

18 Siehe dazu: Laszlo Böszörmenyi: ‹Wachen in der Nacht›, downloadbar unter: www-itec.aau.at/~laszlo/Antro/Wachen.pdf.

 

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