Meditation oder die Gesellschaft der Müdigkeit

Robin Schmidt

Müde sind wir heute, und Müdigkeit trennt. Trennt von der Welt. Sie wächst mit dem Anspruch ein Selbst zu sein, durch eigene Leistung derjenige zu sein der ich geworden sein will; und so sind wir durch unser vornehmstes Projekt, unser Selbst, erschöpft, weil das Leben als Erfüllung des Entwurfs mit hängender Zunge und atemlos daher kommt und die Welt drüben bleibt und die Anderen die Fremden werden, und ich, in der Hoffnung etwas Bleibendes geworden zu sein, ein Anderer wurde, ein Müder.

Doch mit dieser innengerichteten Müdigkeit des Selbstwerdens, wird auch eine ganz andere Müdigkeit möglich, eine nach aussen gerichtete, zarte Müdigkeit, die die Zange des Ich löst, eine Müdigkeit des Staunens, des Zugänglichwerdens, des Wunderns über die Welt als einem Du, die so zur Müdigkeit der Freundlichkeit wird, in der die Träume beginnen, das Leben zu durchwehen und der Winter der Gegenwart unter den Händen milde wird, und dann dies nächtliche Selbst eine wachende Gemeinschaft mit den Vorgängen und Wesen der Welt beginnt, eine Gemeinschaft, die ohne Zugehörigkeit und Verwandtschaft auskommt, wo die Sterne am Tag aufgehen und wir Sterne werden und mit ihnen sind: solche Müdigkeitsgesellschaft ist es, die ich manchmal träume.

Und der Übergang? Rudolf Steiner, nannte ihn Meditation. Damals, zu Beginn unserer Zeit der Müdigkeit, wo die Träume der Nacht beginnen das Leben zu durchwehen und der Winter der Gegenwart unter den Händen milde wird.

 

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